Michel B. verzettelt sich.

Ein Roman um den radikalsten Vertreter des rheinischen Katholizismus. Ein Leben im klaffenden Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit – in der Eifel zu Zeiten der Hitlerdiktatur.

Mitte der 30er Jahre hockt Michel B. in der Eifel und pflegt – unberührt vom Unbill der Zeitläufe – sein romantisch-religiöses Dichterdasein. In der Früh zaubert er apostolische Bekenntnisse von schwülstiger Wortschwere aufs Papier, aber Punkt elf fällt ihm der Stift aus der Hand, er wirft alle gottergebenen Moralgrundsätze über Bord, sucht die nächstbeste Bauernschänke auf, gibt sich allerhand Geschlechtsvertraulichkeiten hin und erbettelt beim Klerus Almosen oder Darlehen für seine frommen Traktate - ohne diese freilich jemals wieder zurückzuzahlen.

Ab 1936 geht der Nazifaschismus im Rheinland und in der Eifel massiv gegen kirchliche Organisationen vor. Schwere Zeiten für einen Schriftsteller wie Michel, der sich als „katholischer Dichter“ versteht und größtenteils im kirchlichen Umfeld veröffentlicht.

Sein Enkel Ulrich Land bekommt viele Jahre später immer wieder Geschichten seines als Filou verschrienen Großvaters aufgetischt und sieht als einzige Möglichkeit, seinem Großvater auf die Schliche zu kommen, so etwas wie fiktionale Ermittlungen – eine Mixtur aus Erfragtem und Erdachtem, aus Interviews, Dokumenten und frei dazu Erfundenem.

 

Titel: Michel B. verzettelt sich

Autor: Ulrich Land

Aus der Reihe: Edition Eyfalia KBV

Ausgabe: 1. Auflage

ISBN/EAN: 9783954413287

Seitenzahl: 296

Lolitas späte Rache

März '22, Berliner Philharmonie. Schüsse fliegen Richtung Bühne. Und treffen – prompt den Falschen. Nicht den Redner, sondern Senator Nabokov, den Vater jenes Romanciers, der gut 30 Jahre später den Bestseller "Lolita" schreiben wird. Der Senator war einer der führenden Köpfe der bürgerlich-liberalen Russen, die dem abgetakelten zaristischen Feudalismus eine Demokratie entgegensetzen wollten, den Sturz des Zaren also mitbetrieben. Vor der bolschewistischen Revolution allerdings nahmen sie Reißaus und gingen ins Exil nach Berlin, wo sich in den 20er-Jahren eine regelrechte Community aus russischen Liberalen, aber auch aus Zaristen heraus-bildete.

 

Am 28.3.1922 also feuerten – vor den Augen von anderthalbtausend versam-melten Exilrussen – zwei Zaristen mehrere Pistolenschüsse Richtung Bühne ab, wo sie Nabokov senior niederstreckten. Im Publikum brach Panik aus, die beiden Attentäter jedoch konnten dingfest gemacht werden. Kurz vor dem Vortragsabend in der Philharmonie – so schreibt dieser Roman die Geschichte um und weiter – hat der junge Vladimir in einer zwielichtigen Spelunke einen Mann dabei beobachtet, wie er sich in eine blutjunge Dirne vertieft. Allmählich wird ihm klar, dass es sich bei dem eifrig zu Werke schreitenden Herrn um seinen Vater handelt und bei dessen Gespielin um ein Mädchen von allenfalls 13 Jahren.

 

Zunächst versucht Vladimir, über die unsägliche Entgleisung seines Vaters mit der Mutter zu sprechen. Diese jedoch hält ihm vor, der Alkohol der letzten Nacht rieche ihm aus allen Poren, er möge also auf seine weinselige Fata Morgana nichts geben. Noch am gleichen Tag bekommt Vladimir Wind davon, dass in München zwei Anhänger des Zaren sitzen, die keine Chance auslassen, die antizaristischen Liberal-Demokraten in aller Öffentlichkeit des Verrats an Russland zu bezichtigen. Er wittert die verlockende Chance, die fanatische Wut der Zaristen auf seinen Vater zu fokussieren und ihm von den beiden einen "Schuss vor den Bug knallen" zu lassen. Als indirekte Quittung für die alles andre als ehrenhaften Eskapaden. Offenbar jedoch hat Vladimir deutlich unterschätzt, wie fanatisiert die beiden ehemaligen Offiziere des Zaren sind …

 

Wenige Stunden vor Beginn der Veranstaltung in der Philharmonie, begibt Nabokov jun. sich in das Etablissement, wo er Lydia weiß, jene dreizehnjährige Dirne, mit der er den Vater in flagranti ertappt hatte. Er versucht, sie gegen eine unerhörte Summe dazu zu bewegen, mit ihm in die Philharmonie zu kommen. Lydia jedoch hält in ihrem beruflichen Eifer diesen Umweg für nicht nötig und versteht es, den jungen Nabokov mit heiter verspieltem Liebesgesäusel zu umgarnen. Nicht ohne kurz überschlagen zu haben, dass bis zum Beginn der Versammlung für eine rasche Erbauung allemal noch Zeit sein müsse, und mit durch perlenden Schampus und sprühende Liebesglut in den Hintergrund geschobenen Skrupeln gibt er sich dem fidelen Spiel mit der schmetterlingsgleichen Circe hin.

 

 

In diesem Augenblick stürmt sein Kommilitone Jewgenij leichenbleich herein. Vladimir ist augenblicklich stocknüchtern. Er bemühe sich grade mit allen Mitteln darum, dass das Mädchen mit in die Philharmonie komme, um seinen Vater dort ob seiner sehr speziellen Neigungen zu desavouieren. Jewgenij jedoch teilt ihm mit,dass der Vortrag längst über die Bühne gegangen und Senator Nabokov soeben den Schüssen der beiden Zaristen zum Opfer gefallen sei.

 

Ein höchst schockierendes Ereignis, dessen – hier fiktiv behaupteten – Hintergrund Vladimir sein Leben lang für sich behalten wird!

 

Romanhelden sterben nie. Romanheldinnen noch weniger

Bücher:

"Michel B. verzettelt sich. Eifeler Ermittlungen eines Enkels", KBV-Verlag, Hillesheim, 2016

Fotoband mit Texten: "Abriss in Bruckhausen – ein Stadtteil wird vernichtet", Fotografie: Bernd Langmack, Text: Ulrich Land, Klartext Verlag Essen, 2015

"Lolitas späte Rache. Quer-durch-Europa-Krimi mit Rezepten" Oktober Verlag, Münster, 2016

"Messerwetzen im Team Shakespeare"
Oktober Verlag, Münster 2014 

"Krupps Katastrophe"
Oktober Verlag, Münster 2013 

"Und die Titanic fährt doch"
Oktober Verlag, Münster 2012 

"Der Letzte macht das Licht aus. Norwegen-Krimi mit Rezepten"Oktober Verlag, Münster 2008 mehr

"Einstürzende Gedankengänge. Eifel/Island-Krimi mit Rezepten"Oktober Verlag, Münster, März 2010 mehr

Buchherausgaben (Auswahl):

"Düppeler Geschichten", Roman von Horst Kammrad, hg. von Ulrich Land, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 1986 und 1987

"Worte im Aufwind" (100 Schreibaktionen) (mit Harry Böseke), Akademie Remscheid 1989

"Grimassen. Von Städten und Menschen" (Hrsg.) (mit Rudolf Knauf), Asso-Verlag, Oberhausen 1991

"Grenzgedanken. Ein Lesebuch" (Hrsg.), bund-Verlag, Köln 1991

kleinere Veröffentlichungen in Büchern:

außerdem Reportagen, Erzählungen, Lyrik, Szenen und Glossen im 'Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt', in der 'taz', in der 'Frankfurter Rundschau', in mehreren Literaturzeitschriften und unter anderem in folgenden Anthologien: 

in: "U-Bahn. Ein Lesebuch", Hg.: Hartwig Hansen u.a., Stattbuch-Verlag, Berlin 1985

in: "Vor Ort. Betriebsreportagen", Hg.: Werkstatt Frankfurt/Main, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 1987

in: "Grimassen. Von Städten und Menschen", Hg.: Rudolf Knauf + Ulrich Land, Asso-Verlag, Oberhausen 1991

"Fesselballon" (mit einer Gefangenengruppe der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-),
in: "Fesselballon", Hg.: Eberhard Kügler-Schmidt, Daedalus-Verlag, Münster 1992

in: "Lebenszug", Hg.: Ursula Hochstätter-Klomp, Avlos-Verlag, Sankt Augustin 1997

in: "Öde Orte 2", Hg.: Jürgen Roth und Rayk Wieland, Reclam-Verlag, Leipzig, 1999

in: "Frankenstein. Der Frankenstein-Komplex", Hg.: Rudolf Drux, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1999

in: "Hauptbahnhof Köln", Hg.: Ulrich Krings und Frank Tewes, Bachem Verlag, Köln 2003

in: "Gerücheküche im Tal. Oder Rosenduft und Mundgeruch", Hg.: Guntram Balzer, Joanna Gralinski Verlag, Wuppertal 2006

im Nachschlagewerk "Schreiben in der Metropole Ruhr", Hg.: Hugo Ernst Käufer und Volker W. Degener, Klartext-Verlag, Essen 2009